Benjamin Baumann unterrichtet seit 15 Jahren am Wirtschaftsgymnasium und an der Berufsschule, Fachbereich IT-Systemmanagement. Er entwickelt und erprobt KI-gestützte Unterrichtskonzepte – darunter den KI-Haltungskompass und den KI-Rollenkompass – und setzt Claude-Skills systematisch in der Unterrichtsplanung ein. Im Gespräch erklärt er, was diese Werkzeuge wirklich leisten, wo ihre Grenzen liegen – und warum nicht jede Lehrkraft damit glücklich werden wird.
Frage: Herr Baumann, Sie nutzen KI-Skills seit einiger Zeit intensiv in Ihrer Unterrichtsplanung. Was hat sich konkret verändert?
Das Entscheidende ist: Materialerstellung ist für mich kein Problem mehr. Das klingt vielleicht banal, aber das ist es nicht. Früher habe ich an einem einzigen guten Arbeitsblatt manchmal eine Stunde gesessen. Heute kann ich in derselben Zeit fünf Varianten desselben Themas erstellen – für verschiedene Lernniveaus, verschiedene Lerntypen, verschiedene Bedarfe. Was sich wirklich verändert hat, ist der Kopf. Ich plane anders, weil ich weiß, dass die Umsetzung folgt.
Frage: Sie sprechen von Varianten für verschiedene Lerntypen. Wird damit echte Individualisierung endlich machbar – etwas, das Lehrkräfte seit Jahrzehnten fordern, aber selten wirklich umsetzen?
Genau das trifft es. Ich sage das nach 15 Jahren Unterricht: Die Fleißigen sind bislang oft auf der Strecke geblieben. Das klingt paradox, aber es stimmt. Differenzierung hieß bei mir in der Praxis meist: Ich helfe den Schwachen etwas mehr. Die Schnellen? Die warten. Die Fleißigen? Die kommen schon klar.
Was jetzt möglich ist: Ich könnte theoretisch für jeden einzelnen Schüler das Material erstellen, das er wirklich braucht. Den Schnellen, den Langsamen, den Lesefaulen, das Arbeitstier. Und dann: bestehendes Unterrichtsmaterial im Handumdrehen zu einem interaktiven Lernkurs umbauen – mit Beispielen, Rechenaufgaben, Hinweisen, Lösungen, als HTML-Seite, selbstgesteuert, im eigenen Tempo. Die Fleißigen, die Schwachen, die Langsamen, die Schnellen – ich kann jetzt alle bedienen. Das war früher schlicht nicht leistbar.
Frage: Was lässt sich damit noch umsetzen, das vorher nicht möglich war?
Wahnsinnig komplexe Unterrichtskonzepte. Planspiele zum Beispiel – die hätte ich früher kaufen müssen, und sie hätten trotzdem nicht genau gepasst. Jetzt kann ich sie so bauen, wie ich und meine Schüler sie brauchen. Gamification, Handlungs- und Problemorientierung, kognitive Aktivierungsaufgaben, Peer-Feedback, Reflexionsaufträge, überfachliche Kompetenzen – das wird nicht mehr vergessen oder weggelassen, weil ein gut gebauter Skill einen daran erinnert. Das ist der eigentliche Mehrwert: nicht Schnelligkeit, sondern Vollständigkeit.
Frage: Das klingt überzeugend. Und dennoch – wo stoßen Sie an Grenzen?
Die wichtigste Grenze ist: Ein Skill kann mir nicht das Denken abnehmen. Nicht das Entscheiden, nicht das Bewerten. Er kennt meine Klasse nicht. Er spürt nicht, wenn ein Thema gerade nicht sitzt. Das Feingefühl für die Lerngruppe – das bleibt bei mir. Und das ist auch gut so.
Was dazu kommt: Skills haben ein Eigenleben. Ich muss nachsteuern, anpassen, manchmal von vorne beginnen. Mit der Zeit werden sie besser – aber weil ich sie besser mache, nicht weil sie sich selbst optimieren. Es ist ein Dialog, kein Autopilot. Wer einen Autopiloten sucht, wird enttäuscht sein.
Frage: Für wen eignet sich dieser Ansatz – und wer wird damit scheitern?
Am meisten enttäuscht werden die sein, die ihren Unterricht „durchsetzen" wollen. Die nicht offen sind, die kein Trial and Error vertragen, die bei der ersten Iteration aufgeben. Nicht, weil sie schlechte Lehrkräfte wären. Sondern weil dieser Ansatz einen bestimmten Modus verlangt.
Man muss eine eigene, klare Idee mitbringen – aber kein starres Konzept. Man muss beharrlich sein, ohne stur zu sein. Man braucht Lust am Experiment. Und eine echte Motivation: Ich will meinen Schülern wirklich etwas Gutes anbieten. Die, die am meisten profitieren, sind Lehrkräfte, die eh schon neugierig waren – die ausprobiert haben, auch bevor es KI gab.
Frage: Was würden Sie einer Schulleitung raten, die diesen Weg für ihr Kollegium erschließen will?
Nicht mit dem Tool anfangen. Mit der Haltung anfangen. Fortbildungen, die nur zeigen, wie man einen Prompt formuliert, werden verpuffen – das ist meine feste Überzeugung nach allem, was ich erlebt habe. Was Lehrkräfte brauchen, ist Klarheit darüber, welche Rolle KI in ihrem Unterricht spielen soll. Bevor sie das erste Mal den Prompt-Kasten öffnen.
Danach: anfangen. Kleine Projekte. Einen Skill ausprobieren. Scheitern dürfen. Weitermachen. Die Lehrkräfte, die diesen Weg gegangen sind, berichten mir eines: Sie wollen nicht mehr zurück.